47 Rehatour nach Zeeland

Definition “Unentschlossenheit”

zeigt sich vor allem dadurch, dass wir in eine Starre verfallen und gar nichts mehr erledigen

Nach unserer Rückkehr aus Frankreich musste ich gesundheitlich einen Rückschlag verkraften und war kaum in der Lage mich zu rühren.

Mein Arzt wusste aus vielen Gesprächen, dass ich mich selbst immer besser am Schopf aus dem Loch ziehen konnte, wenn ich unterwegs war. Als ich zu einer Untersuchung bei ihm war, schaute er mich an, hörte mir zu und dann schrieb er ein “Privatrezept” und schob es mir rüber. Darauf stand 1 Woche Seeluft, mindestens 2 Stunden Outdooraktivität. Ich sagte ihm, dass ich zwar krank geschrieben sei, jetzt aber schlecht in Urlaub fahren könne, worauf er antwortete, dass dies kein Urlaub, sondern eine Rehamaßnahme sei und ich solle mich selbst endgültig von dem Irrglauben verabschieden, dass ich bettlägerig krank geschrieben sei.

Leicht verwirrt fuhr ich heim und überlegte mir, wo ich denn jetzt hinfahren solle. Im Gegensatz zur deutschen Meeresküste, war die holländische und belgische Küste ein ganzes Stück näher. Außerdem war Zeeland ja nun schon länger einer meiner Sehnsuchtsorte. Außerdem wusste ich, dass ich es auch im April mit seinem nicht so tollen Wetter mögen würde.

Ich nahm all meine Kraft zusammen, belud Herrn Jopling mit allem, was ich eventuell brauchen würde, sagte meiner Freundin bescheid und fuhr noch am gleichen Tag los. Normalerweise mache ich auf dem Weg nach Holland bei meiner Mutter Zwischenstop, hatte diesmal aber keine Lust dazu, meine komplette Krankengeschichte breittreten zu müssen. Also nahm ich einen anderen Weg und machte mich auf den Weg in Richtung Prüm. Der Stellplatz, den ich mir als Zwischenstop ausgesucht hatte war echt ok, am Waldrand, neben stillgelegten Bahngleisen, kein Handynetz, aber dafür mit funktionierendem Wlan von der Gemeinde.

Es hatte so ein kleines Roadtripfeeling. Sehr oft fährt man die Strecken, die man schon kennt, weil ich diesmal aber bewusst eine andere Strecke gewählt hatte konnte ich die Fahrt selbst viel mehr genießen.

Das Wetter war semi gut, aber dennoch genoss ich es durch die Ardennen zu kriechen und dem Meer entgegen zu gondeln. Je mehr es Richtung Westen ging, desto stärker wurde der Wind. Die letzten 80 Kilometer fuhr ich im vierten Gang mit maximal 80 km/h und schwerer Schlagseite, da der Wind kräftig und böig von der Seite kam. Hier zeigte sich mal wieder ein konstruktiver Nachteil von Herrn Joplin. Er ist wegen seinem Leiterrahmen ziemlich hoch, aber hat einen recht kurzen Radstand und ist alles in allem nicht so lang. Da wankt es schonmal was kräftiger. 

Das Krasse war, dass ich schon merkte, wie mich die Situation, das Wetter, der Wind, die Konzentration auf die Straße entspannte. Wie ich mit jedem Kilometer, den ich der Küste näher kam zwar mental ruhiger, aber körperlich vitaler wurde. 

Ich fuhr gleich an den Damm, um die See zu sehen und zu riechen, um zu spüren, wie der Wind mir den Blödsinn aus dem Kopf pustet. Der Himmel war grau, es stürmte und das Meer peitschte gegen den Damm. Das perfekte Klischee-Nordsee-Wetter. Nach der Fahrt brauchte ich einen Kaffee und ging in eine der Strandkneipen. 

Während ich in der schwer beheizten Strandkneipe meinen Kaffee genoss, checkte ich das Wetter für die nächsten Tage und schaute in Facebook nach den Neuigkeiten. Dabei sah ich, dass ein paar Bekannte aus der Camping Gruppe grade am Brouwersdam ein Minitreffen machten. Ich schrieb ihnen und wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

In Holland ist freistehen ziemlich unmöglich und/oder sehr teuer und das Thema “Stellplätze” kommt erst langsam auf. Ich hatte mich auf einen “einfachen” Campingplatz in unmittelbarer Nähe zum Damm eingebucht. Ich mochte es, nicht erst 10 km durchs Hinterland fahren zu müssen, um zu meinem Daycamping zu kommen und war bereit, dafür ein paar Euro pro Nacht mehr auszugeben, wobei ich sagen muss, dass der Campingplatz für holländische Verhältnisse wirklich günstig war.  

Am nächsten Tag traf ich mich mit den Bekannten am Damm. Ich mochte es schon immer unterwegs zu sein, zu reisen und dann irgendwo auf der Welt Freunde oder Bekannte zu treffen. Es brachte zumindest für die Zeit des unerwarteten Zusammentreffens eine neue/andere  Qualität in die Freundschaft. Wir quatschten, lachten und lamentierten. Es war für mich eine nette Abwechslung zu meinem Gedankenkarussell, welches mich momentan ziemlich gefangen hielt. Wir waren 4, zeitweise 6 Leute und bis auf einen würden die anderen spätestens am nächsten Tag abreisen. Dieser eine war krankgeschrieben und erholte sich, wie ich, lieber an der See in seinem Wohnwagen, als daheim in seiner Bude. 

Er fragte mich, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn er mir noch etwas länger Gesellschaft leisten würde. Ich erklärte ihm, dass es mir grundsätzlich wenig ausmachen würde, er aber nicht davon ausgehen solle, dass ich 24/7 mit ihm zusammenhängen könne. So kam es auch nicht. Er blieb noch zwei Tage länger. Morgens fuhren wir an den Damm, mal frühstücksten wir bei ihm im überheizten Wohnwagen, mal bei mir in Herrn Joplin. Wir spazierten mit seinem Hund den Strand entlang, grillten abends ….aber die meiste Zeit beschäftigten wir uns mit uns alleine und das war auch gut so. Es war das perfekte Alleinsein, mit ein bissl Gesellschaft, wenn einem die Decke auf den Kopf fiel. 

Ich liebe es bei stürmischen Wetter an der See zu stehen und aus dem überheizten Wohnmobil aufs Meer zu schauen. Es gibt wenig, was ich als gemütlicher empfinde. Ich hielt mich an die Vorgaben meines Arztes und bewegte mich mindestens 2 Stunden am Tag. Entweder ich ging walken, landpaddeln, SUPen oder biken. Und jedes mal wenn ich in den warmen Herrn Joplin zurückkam, war da dieser einlullende Coming-Home-Moment. Das war eines der ersten Male, wo ich tatsächlich länger über Vanlife als Lebensoption nachdachte und anfing mich mehr damit zu beschäftigen. Mir wurde plötzlich klar, dass es in diesem Moment einfach nichts gab, was ich vermisste. Da war nichts, das ich benötige und was ich in meiner Homebase hatte und hier in Herrn Joplin nicht. Mir war schon lange klar, dass ich ein Reisender bin, aber das plötzliche Bewusstsein, dass ich eine Stein-Homebase mehr oder weniger als unnötig empfand, erschreckte mich dann doch irgendwie. Manchmal überfällt einnen die Erkenntniss einfach und man kann selbst als völlig verkopfter Mensch nichts dagegen machen.

Die letzten Tage verbrachte ich alleine mit mir. Es war schön ein bissl Gesellschaft gehabt zu haben, aber ich konnte es auch sehr genießen, ganz für mich zu sein. 

Das Unterwegssein hatte meinem Wohlbefinden sehr gut getan und mir war klar, dass ich zukünftig mit oder ohne Krankheit mehr on the road und weniger in meiner Homebase sein würde.

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